
16 Uhr 50 ab Winnenden
Ausgabe 10 / 2024

Brot ist viel mehr als ein Grundnahrungsmittel – es ist ein Genussmittel, ein Kulturgut, ein Lebensbegleiter, ja im Idealfall ein Glücksgefühlbringer. Ob der betörende Duft einer frisch gebackenen Kruste, die saftige Textur der Krume oder der unvergleichliche Geschmack eines aromatischen Älbler Steinofenbrots. Brot spricht all unsere Sinne an. Doch wie genau erleben wir Brot? Welche Rolle spielen Geruch, Geschmack und das Gefühl? Und wie entstehen die Aromen, die Brot so besonders machen? Lassen Sie uns gemeinsam auf eine Entdeckungsreise durch die Welt der Sensorik gehen.

Geschmack ist ein Zusammenspiel mehrerer Sinneseindrücke, bei dem Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen und sogar Hören eine Rolle spielen. Unser Gehirn ist ein Meister der Verknüpfung. Nur wenn alle Sinne zusammenarbeiten, entsteht ein vollständiges Bild des Geschmacks.
Mit den Geschmacksrezeptoren auf der Zunge nehmen wir die fünf Grundgeschmacksrichtungen wahr: süß, salzig, sauer, bitter und umami. Das eigentliche Aroma jedoch, das wir mit fruchtigen, nussigen oder röstigen Noten verbinden, nehmen wir durch das sogenannte retronasale Riechen wahr.
Der visuelle Eindruck ist der erste Sinneseindruck beim Brot: Farbe, Porung und Form geben Hinweise auf Textur und Zutaten. Ein dunkel gebackenes Roggenbrot wirkt kräftig, während ein helles Baguette Leichtigkeit vermittelt.
Der Klang der Kruste beim Brechen offenbart Frische und Textur. Knackige Krusten entstehen durch die Maillard-Reaktion, die Zucker und Aminosäuren in röstige Aromen und Crunch verwandelt. „Das Hören der Kruste ist ein Einstieg in das Erlebnis Brot,“ betont Prof. Vilgis, Experte für die Wissenschaft der Aromen. „Eine kräftige Kruste lässt uns ein intensiveres Geschmackserlebnis erwarten.“
Der Duft ist der Schlüssel zur Aromaentfaltung. Sauerteigbrot duftet oft fruchtig-säuerlich, ein Ergebnis von Fermentation und Backprozess, bei dem zahlreiche flüchtige Verbindungen freigesetzt werden.
Die Zunge nimmt süße, saure, salzige, bittere und umami Noten wahr. Die Kruste eines kräftig gebackenen Brotes schmeckt oft leicht bitter, während die Krume eine feine Süße oder Säure besitzen kann. Oben haben Brote malzige und getreidige Röstaromen, unten – je nach Rezeptur – Mokka- bis Popcorn-Aromen.
Das Mundgefühl beeinflusst den Genuss maßgeblich: Eine lockere Krume wirkt luftig, eine dichte sättigend. Die Kombination aus knuspriger Kruste und weicher Krume macht den Biss in ein frisch gebackenes Brot zu einem vollständigen Genussmoment.
Aromen sind komplexe Moleküle, die durch chemische Reaktionen freigesetzt werden und unser Geschmackserlebnis prägen. Aroma ist eine Mischung aus Geschmack und Geruch. Die retronasale Wahrnehmung spielt hierbei die Hauptrolle: Während des Kauens gelangen flüchtige Moleküle von der Mundhöhle in den Nasenraum und verbinden sich dort mit den Geruchsrezeptoren.
Das Ergebnis ist eine Geschmacksexplosion, die weit über das hinausgeht, was die Zunge alleine erfassen könnte. „80 % des Geschmacks sind Geruch“, erklärt Prof. Thomas Vilgis. „Ohne den Geruch wäre unser Eindruck von Brot eindimensional.“ Und wiederum 80 % des Brotaromas befinden sich in der Kruste.


Warum macht Sauerteig Brot aromatischer?
Die Fermentation im Sauerteig produziert neben Milchsäure auch Essigsäure und andere organische Säuren, die den Geschmack intensivieren und die Haltbarkeit des Brotes verlängern. Die Aromenvielfalt im Sauerteigbrot ist dadurch deutlich größer als bei schnell fermentiertem Hefegebäck.
Wie entstehen die Aromen im Brot?
Die Aromenvielfalt eines Brotes beginnt bereits bei der Auswahl der Zutaten und setzt sich während des gesamten Backprozesses fort:
Die Rohstoffe:
Die Fermentation:
Der Teig geht während der Fermentation buchstäblich auf Entdeckungsreise. Durch die Aktivität von Hefen und Milchsäurebakterien entstehen Gase, die den Teig lockern, sowie organische Säuren, die den Geschmack intensivieren. Milchsäure bringt sanfte Säure, während Essigsäure für eine kräftigere Note sorgt. Fermentationszeit und -temperatur sind entscheidend: Ein langsam gereifter Teig hat mehr Zeit, Aromen zu entwickeln und ist bekömmlicher.
Das Backen:
Im Ofen entfaltet sich die Magie. Die Hitze löst die sogenannte Maillard-Reaktion aus, bei der Zucker und Aminosäuren zu unzähligen Aromen verschmelzen. Diese Reaktion ist für die röstigen, karamelligen Noten der Kruste verantwortlich. Gleichzeitig entstehen durch die hohe Hitze fruchtige und nussige Aromen.
Die Verbindung von Brot und Käse ist ein Klassiker in der kulinarischen Welt. Beide Produkte werden traditionell hergestellt und bieten eine enorme Bandbreite an Aromen. Durch das Zusammenspiel von Texturen und Geschmacksprofilen entstehen harmonische oder auch kontrastreiche Kombinationen, die den Genuss steigern. Tobias Maurer hat in seiner Abschlussarbeit zum Brotsommelier Geschmackspaarungen probiert. Hier sind einige herausragende Kombinationen:
Die leicht süßlichen Noten des Dinkelbrotes balancieren die kräftigen, bitteren Aromen des Jura Comté aus. Diese Kombination überzeugt mit einem harmonischen Spiel aus cremiger Textur und intensiven Geschmacksnoten, die durch den langen Reifeprozess des Käses entstehen.

Das Nussbrot, angereichert mit Wal- und Haselnüssen, ergänzt die schwefligen und kräftigen Aromen des Bergkäses perfekt. Die röstigen und nussigen Nuancen des Brotes werden durch die würzige Intensität des Käses verstärkt, was zu einer vollmundigen Geschmackstiefe führt.

Das Bauernbaguette überzeugt durch seinen ausgewogenen und dezenten Geschmack, der dem Gorgonzola Raum gibt, seine charakteristische Bitternote voll zur Geltung zu bringen. Gleichzeitig harmoniert es perfekt mit der feinen Umami-Aromatik des Käses und fängt diese geschmacklich gekonnt ein.

Das fruchtig-süße Schnitzbrot mit seinen Trockenfrüchten und Nüssen harmoniert überraschend gut mit der salzigen, umami-betonten Tiefe des Parmesans. Die Vielseitigkeit des Schnitzbrotes, bei dem jeder Bissen eine neue Kombination aus Frucht und Röstnoten bietet, ergänzt die intensiven Aromen des Hartkäses auf einzigartige Weise.

Quellen:
Aroma: Die Kunst des Würzens – Thomas Vierich, Thomas Vilgis
Die Sprache des Brotes – Michael Kleinert, Bernd Kütschner
Food-Pairing mit Brot & Käse – das Konzept – Tobias Maurer
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