Zum neun­ten Ofen­ge­spräch hat Tobias Maurer den Kopf­re­chen­künst­ler, Mental­trai­ner, Fitness­coach und Autor Rüdi­ger Gamm auf seine Ofen­bank einge­la­den. Er wurde durch Fern­seh­auf­tritte bei Wetten, dass..?, Das Super­ta­lent und ande­ren TV-Sendun­gen berühmt, mit seiner außer­ge­wöhn­li­chen Fähig­keit, kompli­zierte Rechen­auf­ga­ben in Sekun­den­schnelle im Kopf zu lösen.

Doch Rüdi­ger Gamm ist mehr als das: Er ist ein Mensch, der viel über Talent, Diszi­plin und das rich­tige Timing im Leben zu sagen hat. Ein Gespräch über Bega­bung, Glaube, Moti­va­tion und darüber, warum manch­mal der Zufall der beste Plan ist.

Tobias: Will­kom­men, Rüdi­ger. Schön, dass du da bist. Wir kennen uns schon lange vom gemein­sa­men Radeln bei der Tour Ginkgo zum Spen­den sammeln für schwer­kranke Kinder. Die meis­ten ande­ren kennen dich aber vor allem durch das Potenz­rech­nen und deine Auftritte im Fern­se­hen wie bei Wetten, dass..?, Das Super­ta­lent und viele andere. Was mir bei der Vorbe­rei­tung beson­ders aufge­fal­len ist und was viele nicht wissen: Du kannst ja auch rück­wärts spre­chen. Wie kommt man denn bitte darauf?

Rüdi­ger: (lacht) Jetzt sind wir ja schon mitten im Inter­view. Das ist, wenn man es genau nimmt, meine Mutter­spra­che. Mein Vater hatte die glei­che Fähig­keit, und wahr­schein­lich habe ich sie einfach geerbt.
Ich habe als Kind zuerst rück­wärts gespro­chen. Vorwärts spre­chen war also meine erste Fremd­spra­che.

Tobias: Also war dein erstes Wort nicht Mama oder Papa, sondern amaM und apaP?

Rüdi­ger: So unge­fähr, ja. Ich spre­che die einzel­nen Wörter rück­wärts, nicht den ganzen Satz. Denn am Anfang vom Satz weiß ich ja noch nicht, wie der Satz aufhört. Wenn ich zum Beispiel „Das Wetter ist schön“ sage, dann sage ich „saD retteW tsi nösch“ und nicht „nösch tsi retteW saD“. Mit vier Jahren habe ich meinen ersten Comic geschenkt bekom­men und mit dem habe ich dann auch gelernt vorwärts zu spre­chen.

Tobias: Und mit vier konn­test du die Hefte auch schon lesen?

Rüdi­ger: Ja, das ging bei mir rela­tiv schnell. Auch mein Zahlen­ge­dächt­nis war schon immer sehr ausge­prägt. Ich habe mit zwei Jahren schon gewusst, dass Kolum­bus 1492 Amerika entdeckt hat. Aber in der Schule war das dann irgend­wann weg. Da hat es mich ehrlich gesagt nicht mehr beson­ders inter­es­siert.

Tobias: Rich­tig, das hast du erzählt. Da waren wir vermut­lich vergleich­bar.

Rüdi­ger: (lacht) Ja, das war mehr als vergleich­bar. Ich bin sogar wegen Mathe­ma­tik sitzen geblie­ben. Die beste Note, die ich in meiner ganzen Schul­lauf­bahn in Mathe geschrie­ben habe, war eine 3+. Sonst nur Vieren und Fünfen. Einmal musste ich sogar darum kämp­fen, keine 6 zu bekom­men.

Tobias: Das war bei mir Chemie. Das ist natür­lich eine schöne Hoff­nungs­ge­schichte für alle, die in Mathe kämp­fen. Wenn sogar ein Kopf­re­chen­welt­meis­ter in Mathe durch­fällt.

Rüdi­ger: (lacht) Ja, ich habe da eine Theo­rie: Unab­hän­gig von Talent oder Bega­bung gibt es im Leben soge­nannte Lern­fens­ter*. Wenn das Lern­fens­ter nicht offen ist, bringt alles Lernen nichts. Du kannst dich noch so anstren­gen, wenn dein Kopf nicht aufnah­me­be­reit ist, bleibt nichts hängen. Man muss erken­nen, wann das Lern­fens­ter offen ist und es dann auch nutzen. Bei mir war das erst mit 21 oder 22 der Fall.

*Lern­fens­ter
Die Theo­rie der Lern­fens­ter (oder sensi­ble Phasen) ist ein etablier­tes Konzept aus der Entwick­lungs­psy­cho­lo­gie und den Neuro­wis­sen­schaf­ten. Sie beschreibt Zeit­fens­ter, in denen das Gehirn beson­ders aufnah­me­fä­hig für spezi­fi­sche Inhalte ist. Diese Idee ist nicht neu: Bereits die Pädago­gin Maria Montessori wies im frühen 20. Jahr­hun­dert auf sensi­ble Phasen bei Kindern hin. In den 1960er Jahren unter­mau­erte der Neuro­psy­cho­loge Eric Lenne­berg das Konzept im Hinblick auf den Sprach­er­werb.

Tobias: Und woran erkennt man, dass so ein Lern­fens­ter offen ist?

Rüdi­ger: Wenn’s ins Hirn rein­zieht, ist es offen. (lacht) Nein, im Ernst: Es ist meis­tens Zufall. Bei mir war es so: Zwei Wochen nach­dem ich mit der Schule fertig war, bekam ich ein Buch geschenkt, in dem es um Quadrat­zah­len und andere Zahlen­spiele ging. Ich hatte ja Zeit. Bis zum Start meiner Ausbil­dung als Versi­che­rungs­kauf­mann waren es noch fünf Monate. Also habe ich mich einfach mal damit beschäf­tigt und wurde immer besser darin. Ich habe nicht gedacht, dass das etwas Beson­de­res ist. Zwei Monate später, wieder Zufall, hörte ich dann im Radio einen Rechen­meis­ter, der das schon seit 30 Jahren machte. Da habe ich mir gedacht: Der macht das 30 Jahre, ich zwei Monate und ich bin fast so gut. Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich hier wohl ein Talent habe.

Tobias: Und ab da hast du ange­fan­gen, gezielt zu trai­nie­ren?

Rüdi­ger: Genau. Ich habe gesagt: Jetzt trai­niere ich mein Gehirn. Ich war vorher im Body­buil­ding aktiv und wusste, dass Trai­ning funk­tio­niert. Also habe ich mein Gehirn trai­niert, wie andere ihre Muskeln. Ich habe zudem fünf­mal versucht, zu Wetten, dass..? zu kommen. Jedes Mal wurde ich abge­lehnt. Nach dem fünf­ten Mal habe ich aufge­ge­ben. Und dann kam, wieder mal, der Zufall.

Tobias: Was ist passiert?

Rüdi­ger: Ich war im Fitness­stu­dio, habe trai­niert und neben­bei gerech­net. Neben mir war jemand, der zufäl­lig auf Durch­reise war und mit einer Tages­karte trai­niert hat. Er sah mich rech­nen und fragte, was ich da mache. Ich erklärte es ihm, und er meinte begeis­tert: „Geil, du gehst zu Wetten, dass..?“ Ich sagte: „Würde ich ja gern, aber ich komme da nicht rein.“ Dann sagte er: „Kein Problem, mein bester Freund ist Unter­hal­tungs­chef beim ZDF.“ Ich dachte, er über­treibt. Zwei Wochen später klin­gelt bei mir das Tele­fon und das ZDF war dran. Ohne diesen Zufall wäre ich nie bei Wetten, dass..? gelan­det.

Tobias: Es ist wich­tig, dass sich solche Chan­cen erge­ben. Und vor allem, dass man solche Chan­cen dann auch erkennt. Aber Zufall alleine reicht ja nicht aus, um bei Wetten, dass..? ange­nom­men zu werden und auch noch zu gewin­nen. Du trai­nierst täglich mit einer unfass­ba­ren Diszi­plin, auch wenn die Moti­va­tion mal nicht da ist. Wie machst du das?

Rüdi­ger: Natür­lich. Man muss auch vorbe­rei­tet sein, wenn der Zufall kommt. Trai­ning und Diszi­plin gehö­ren also genauso dazu. Ich habe insge­samt fünf Monate auf Wetten, dass..? trai­niert, einmal sogar bis zu 17 Stun­den am Stück. Das war extrem stupide. Ich bin die Poten­zen immer und immer wieder durch gegan­gen. Das war keine Moti­va­tion, sondern reine Diszi­plin und auch ein biss­chen Angst. Aber als ich dann in der Sendung stand und tatsäch­lich gewon­nen habe, war das ein unbe­schreib­li­ches Gefühl. Das war dann echte Moti­va­tion.

Tobias: Also kommt Moti­va­tion durch Erfolg und nicht anders­herum?

Rüdi­ger: Ganz genau. Ich stelle Diszi­plin über Moti­va­tion. Wenn ich Erfolge sehe, kommt die Moti­va­tion auto­ma­tisch. Wenn ich dann moti­viert und diszi­pli­niert bin, dann läuft’s fast von selbst. Das ist ein Kreis­lauf. Wenn du aufhörst, nur auf Moti­va­tion zu warten, sondern anfängst, diszi­pli­niert zu handeln, kommt der Rest von allein.

Tobias: Du hast ja auch dein Gehirn unter­su­chen lassen. Was kam dabei heraus.

Rüdi­ger: Ich habe tatsäch­lich ein etwas anders gebau­tes Gehirn. Mein Corpus callo­sum*, also der Verbin­dungs­bal­ken zwischen linker und rech­ter Gehirn­hälfte, ist verdich­tet. Das bedeu­tet, dass die Infor­ma­ti­ons­über­tra­gung schnel­ler abläuft. Außer­dem nutze ich bestimmte Areale, die andere kaum akti­vie­ren. Und dann habe ich noch eine kleine gene­ti­sche Muta­tion, das Gen ARHGAP11B*, das die Entwick­lung des mensch­li­chen Fron­tal­lap­pens beein­flusst, ist bei mir stär­ker ausge­prägt. Dadurch habe ich feinere neuro­nale Verbin­dun­gen und mehr Kapa­zi­tät im Fron­tal­lap­pen. Das alles zusam­men führt wohl dazu, dass mein Gehirn Infor­ma­tio­nen anders verar­bei­tet.

*Corpus callo­sum & Gen ARHGAP11B
Das Corpus callo­sum ist die größte Nerven­fa­ser­bahn, die die linke und rechte Groß­hirn­hälfte verbin­det, um den schnel­len Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zu gewähr­leis­ten. Das Gen ARHGAP11B ist an der Entwick­lung des Fron­tal­lap­pens betei­ligt, der für komplexe kogni­tive Funk­tio­nen wie Planung und Problem­lö­sung zustän­dig ist. Eine stär­kere Ausprä­gung des Gens kann die neuro­nale Kapa­zi­tät erhö­hen.

Tobias: Wie genau hat man das unter­sucht?

Rüdi­ger: Durch ein MRT und eine Genun­ter­su­chung in Kanada.

Tobias: Sehr span­nend. Und all das führt zu diesem unglaub­li­chen Talent. Damit hast du es ja auch als erster Euro­päer über­haupt geschafft in einem Rechen­wett­be­werb gegen einen asia­ti­schen Rechen­meis­ter* zu gewin­nen. Wie war das?

*Asia­ti­sche Rechen­meis­ter
Asia­ti­sche Rechen­meis­ter gehö­ren zu den welt­weit schnells­ten Kopf­rech­nern. Sie nutzen den Abakus (Zähl­rah­men) und bewe­gen dessen Perlen mit extrem hoher Geschwin­dig­keit. Durch jahre­lan­ges, inten­si­ves Trai­ning entwi­ckeln sie die Tech­nik des “Menta­len Abakus” oder Anzan: Sie visua­li­sie­ren den Rahmen im Kopf, was ihre Rechen­leis­tung noch­mals dras­tisch stei­gert. In Ländern wie Japan und China werden regel­mä­ßig große Rechen­meis­ter­schaf­ten veran­stal­tet, bei denen die Spit­zen­rech­ner als Stars gefei­ert werden. Ihre erstaun­li­che Fähig­keit demons­triert eindrucks­voll, welch außer­ge­wöhn­li­che Leis­tun­gen das mensch­li­che Gehirn durch extreme Übung errei­chen kann.

Rüdi­ger: Span­nend. Beim ersten Mal, 2003, war der Wett­be­werb zwei­ge­teilt. Den ersten Teil, wo reine Auto­ma­tis­men gefragt waren, habe ich zwar verlo­ren. Aber im zwei­ten Teil, der mehr Aufga­ben umfasste und wo Krea­ti­vi­tät gefragt war, habe ich gewon­nen und mir somit den Gesamt­sieg gesi­chert. Man darf die Asia­ten nicht über­schät­zen. Sie sind tech­nisch perfekt, aber oft fehlt ihnen das krea­tive Denken. Ich nenne sie Rechen­au­to­ma­ten.

Tobias: Ich kenne das aus der Musik. Ich habe früher Posaune gespielt. Asia­ten waren tech­nisch bril­lant, aber manch­mal fehlte das Gefühl.

Rüdi­ger: Genau. Also Tipp an alle Leser, die mal gegen einen Asia­ten im Kopf­rech­nen antre­ten wollen: Wenn man gegen sie gewin­nen will, einfach die Para­me­ter ein biss­chen verän­dern. Eine kleine Multi­pli­ka­tion oder noch besser eine Winkel­funk­tion einbauen, dann laufen sie ins Leere. (lacht)

Tobias: Super Tipp, merke ich mir fürs nächste Mal (lacht). Wobei, im Kopf­rech­nen wäre ich dann doch nicht so stark. Daher viel­leicht noch­mal zurück zu deiner Schul­zeit. Mathe hat dich also nicht so inter­es­siert. Gab es etwas ande­res, das dich begeis­tert hat?

Rüdi­ger: Ja. Mich faszi­niert die Unend­lich­keit des Univer­sums. Nur, dass man mal eine Vorstel­lung bekommt, wie groß das ist. Ihr wisst ja unge­fähr, wie groß unsere Erde ist. Wenn man die Erde 109-mal anein­an­der­rei­hen würde, bekommt man unge­fähr den Durch­mes­ser unse­rer Sonne. Und wenn man sich dann vorstellt, dass allein in unse­rer pope­li­gen Heimat­ga­la­xie 30 bis 40 mal mehr Sonnen als Menschen auf unse­rer Erde gibt, bekommt man ein Gefühl davon, wie unend­lich groß das Univer­sum ist. Das sind die Dinge, die mich schon als Kind faszi­niert haben.

Tobias: Beein­dru­ckend, über was du dir als junger Mensch schon Gedan­ken gemacht hast. Gab es in deiner Jugend oder auch in deinem späte­ren Leben Momente, in denen du mit deinem Talent auch ange­eckt bist?

Rüdi­ger: Oh ja. Ich war mal in einer Disco­very Chan­nel-Doku zu sehen. Da wurde gezeigt, wie ich rück­wärts spre­che und plötz­lich dach­ten viele, ich sei der Anti­christ. Meine Frau wurde von einem Nach­barn gewarnt. Ich habe schon darauf gewar­tet, dass irgend­wann mal jemand mit einer Fackel vor der Tür steht. (lacht)

Tobias: Den Fackel­lauf hast du ja dann selbst gemacht, für deinen Welt­re­kord.

Rüdi­ger: (lacht) Stimmt. Das war mein zwei­ter Welt­re­kord. Ich wurde mit einer spezi­el­len Salbe einge­schmiert, ange­zün­det und hatte eine Minute Zeit, so viele Aufga­ben wie möglich zu rech­nen. Nach einer Minute wurde es heiß, aber es hat funk­tio­niert. Das war eine tolle Aktion.

Tobias: Und was war dein erster Welt­re­kord?

Rüdi­ger: Mein erster Welt­re­kord war im Fern­seh­gar­ten – Apnoe-Rech­nen*. Unter Wasser die Luft anhal­ten und rech­nen.

*Apnoe-Rech­nen
Apnoe-Rech­nen ist die extreme Diszi­plin, die Tauchen ohne Atem­ge­rät mit komple­xem Kopf­rech­nen verbin­det. Beim Tief­tau­chen schrumpft das Lungen­vo­lu­men massiv, was Stress auslöst. Das Gehirn muss nun kompli­zierte Aufga­ben lösen, während der Körper in den Sauer­stoff-Spar­mo­dus wech­selt. Diese Leis­tung demons­triert die Fähig­keit, maxi­male mentale Klar­heit unter extre­mem Stress zu bewah­ren.

Tobias: Also immer eine Kombi­na­tion aus Körper und Geist. Du scheinst Extrem­si­tua­tio­nen zu mögen.

Rüdi­ger: Total. Im Alltag bin ich oft unent­spannt, aber wenn es drauf ankommt, kann ich mich perfekt konzen­trie­ren. Dann funk­tio­niert mein Gehirn auf Knopf­druck.

Tobias: Dann sind so Wett­be­werbe ja perfekt für dich. Hast du Lieb­lings­dis­zi­pli­nen, die dir beson­ders liegen oder Spaß machen?

Rüdi­ger: Da gibt es ein paar. Poten­zen natür­lich, dadurch bin ich auch bekannt gewor­den. Dann Winkel­funk­tio­nen, Logarith­men, Teilen durch Prim­zah­len, Wochen­tag­rech­nen*.

Tobias: Wochen­tags­rech­nen. Mein Opa ist ja an einem ganz beson­de­ren Datum gebo­ren. Am 1.1.1900.

Rüdi­ger: Montag.

Tobias: Ich war noch nicht mal mit dem Satz fertig und du wuss­test den Wochen­tag schon. Wie funk­tio­niert das?

Rüdi­ger: Das Wochen­tags­rech­nen ist im Kern eine simple Addi­tion, aber die Vorar­beit ist das Entschei­dende. Man braucht zwei Haupt­kom­po­nen­ten. Erstens: Die Zuord­nungs­ta­belle der Wochen­tage. Das ist mein Spick­zet­tel für das Endergeb­nis. Meine Rech­nung landet immer bei einer Zahl zwischen 1 und 37 und diese Zahl sagt mir eindeu­tig: ‘Das ist ein Montag,’ oder ‘Das ist ein Sams­tag.’ Die zweite und wich­ti­gere Kompo­nente ist die Monats-Jahres-Wert-Tabelle. Diese Zahlen habe ich alle im Kopf. Jedes Jahr, jeder Monat hat einen festen Wert. Wenn du mich beispiels­weise nach dem 22. März 1969 fragst, rechne ich wie folgt: Ich nehme den Monats­tag, die 22, und addiere dazu den Monats-Jahres-Wert für März im Jahr 1969, welcher die 6 ist. 22 plus 6 ergibt 28. Dann schaue ich in meinem Kopf nach, welche Zahl zur 28 gehört: das ist der Sams­tag.

Tobias: Das leuch­tet mir ein. Wenn ich also jetzt raus­fin­den will, wann die Bäcke­rei Maurer gegrün­det wurde, am 1. Juli 1931…

Rüdi­ger: Mitt­woch. 

Tobias: Genau, Mitt­woch. Unfass­bar schnell bist du. In dem Zuge fällt mir ein: Hast du eigent­lich unsere Chro­nik schon? Die beginnt nicht, wie man meinen würde, mit dem 1. Juli 1931. Sondern mit der Geburt meines Groß­va­ters am 1.1.1900. Und beleuch­tet neben seinem Werde­gang und der Entwick­lung der Bäcke­rei Maurer auch das Gesche­hen in unse­rer Region und in der Welt. Anfang 1900 war zum Beispiel die Welt­aus­stel­lung in Paris. Aber das muss ich dir ja nicht erzäh­len, das weißt du sicher schon. 

Rüdi­ger: Ach, alle Welt­aus­stel­lun­gen kenne ich nun auch wieder nicht.

Tobias: Ganz span­nend war auch die Kriegs­zeit. Es gab auch kriti­sche Situa­tio­nen: 2008 haben wir hier in der Back­stube einen Brand gehabt. Konn­ten 4 Monate nicht backen. Alle diese Geschich­ten und Schick­sale haben wir in der Chro­nik fest­ge­hal­ten. Die Chro­nik schenke ich dir, du kannst gerne die Daten noch­mal kontrol­lie­ren, ob das auch alles stimmt.

Rüdi­ger: (lacht) Ich bin mir sicher, sie stimmt. Aber ich schaue sie mir gerne an.

Tobias: Und künf­tig kann ich dann auch die Wochen­tage bestim­men. Das kann man ja trai­nie­ren. Aber wie ist es mit den ande­ren Rechen­auf­ga­ben, die du machst. Kann das jeder?

Rüdi­ger: Ja, aber nur bis zu einem gewis­sen Grad. Jeder kann sich verbes­sern, aber nicht jeder kann in allem Welt­meis­ter werden. Es hängt von der eige­nen Veran­la­gung ab. Ein 1,55 Meter großer Mensch kann viel­leicht ein groß­ar­ti­ger Gewicht­he­ber werden, aber kein Stab­hoch­sprin­ger. Wich­tig ist, dass man erkennt, worin man wirk­lich gut ist und das konse­quent trai­niert.

Tobias: Ich habe gele­sen, dass dein IQ bei über 200 liegt?

Rüdi­ger: Ja, das wurde über drei Stun­den gemes­sen. Aber solche Tests sind nur Moment­auf­nah­men. Sie hängen auch von der Tages­form, Konzen­tra­tion und Moti­va­tion ab. Mir ist wich­ti­ger, was ich aus meinen Fähig­kei­ten mache. Weil die Frage ist ja, ob man nun wirk­lich intel­li­gent ist oder einfach nur gut im Lösen von Intel­li­genz­tests.

Tobias: Was bedeu­tet für dich Intel­li­genz?

Rüdi­ger: Intel­li­genz ist für mich die Fähig­keit zur Anpas­sung. Es gibt zum Beispiel das Savant-Syndrom. Das leitet sich aus dem im 19. Jahr­hun­dert gepräg­ten Begriff „Idiot Savant“, also schwach­sin­ni­ger Wissen­der, ab. Diese Menschen haben unglaub­li­che Fähig­kei­ten. Aber nur auf einem bestimm­ten Gebiet. Sie können schwer noch andere Dinge trai­nie­ren oder sich an sich ändernde Rahmen­be­din­gun­gen anpas­sen. Etwas, das mir zum Beispiel immer wich­tig war. 

Tobias: Stimmt, mitt­ler­weile bist du ja auch auf TikTok sehr bekannt. Auch eine Anpas­sung an die heutige Zeit. Wie kam es dazu?

Rüdi­ger: Zufall, wie so oft. Ich dachte lange, das brau­che ich nicht. Trotz­dem habe ich einige Videos gemacht. Völlig uner­war­tet ging dann ein Video viral und plötz­lich hatte ich Millio­nen Aufrufe. Heute errei­che ich Menschen, die sich sonst nie mit solchen Themen beschäf­ti­gen würden. 

Tobias: Abso­lut. Ich erin­nere mich daran wie das war, als wir dieses Jahr zusam­men bei der Tour Ginkgo gera­delt sind. Da warst du umringt von einer großen Anzahl von Schü­lern, die dich alle von TikTok kann­ten.

Rüdi­ger: Ja, ich habe damit gerech­net, dass ich von einzel­nen erkannt werde. Dass es aber dann doch so viele waren, hat mich selbst über­rascht. 

Tobias: Zum Schluss würde ich aber wirk­lich gerne noch sehen, wie du rech­nest. Die Bäcke­rei Maurer wurde wie gesagt 1931 gegrün­det. Können wir daraus was machen? 19 hoch 31 zum Beispiel?

Rüdi­ger: Ich kann Poten­zen bis hoch 20. Alles darüber ist ohne Trai­ning schwie­rig. Wir könn­ten also 31 hoch 19 rech­nen. Das sind 21 Quadril­li­ar­den, 670 Quadril­lio­nen, 662 Tril­li­ar­den, 219 Tril­lio­nen, 970 Billi­ar­den, 396 Billio­nen, 194 Milli­ar­den, 714 Millio­nen, 277 Tausend, 471.

Tobias: Wahn­sinn. Vielen Dank für das span­nende Gespräch, Rüdi­ger: über Zahlen, Diszi­plin, Glau­ben und Zufall. Ich glaube, die Leser werden danach das nächste Mal etwas genauer hinse­hen, wenn sie ein Datum im Kalen­der sehen. Hast du noch ein Abschluss­satz für uns? Gerne in vorwärts und rück­wärts?

Rüdi­ger: neleiV knaD rüf eid gnudal­niE! sE raw nie sellot weiv­retnI dnu hci edrüw se tiez­re­dej redeiw necham. Vielen Dank für die Einla­dung! Es war ein tolles Inter­view und ich würde es jeder­zeit wieder machen. 

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