Wie die Tafeln in der Region Lebens­mit­tel­wert­schät­zung leben und warum sie unser Vorbild sind.

Kaum eine andere Insti­tu­tion zeigt so klar, wie eng Lebens­mit­tel­ver­füg­bar­keit, Armuts­be­kämp­fung und Gemein­sinn mitein­an­der verwo­ben sind wie die Tafel Deutsch­land e. V. mit ihren 970 Ausga­be­stel­len in ganz Deutsch­land.

Grund genug, die Vorstände und Vertre­ter der regio­na­len Tafeln Waib­lin­gen, Schorn­dorf, Wein­stadt, Winnen­den und Stutt­gart an einer großen Tafel im Bäcke­rei- Café vom Bäcker Maurer zu verei­nen. Nicht als formelle Sitzung, sondern als star­kes Zeichen: „Wir arbei­ten nicht isoliert vor uns hin, sondern mitein­an­der, damit niemand in unse­rer Region hungern muss.“

Wie die Tafeln Lebens­mit­teln ein zwei­tes Leben geben

Was bei den Tafeln geschieht, ist Präzi­si­ons­ar­beit mit Herz: Lebens­mit­tel, die andern­orts aussor­tiert wür­den, finden hier ein zwei­tes Leben. Vom Super­markt über Land­wirte bis zum Bäcker Maurer spen­den alle einwand­freie Produkte. Die Tafel­mit­ar­bei­ter prü­fen jedes Lebens­mit­tel von Hand, sortie­ren aus, packen um und verkau­fen es anschlie­ßend für nur 20 bis 30 Prozent des Super­markt­prei­ses.

Nur wenige wissen, wie komplex dieses System ist. Kühl­ket­ten, saubere Lager, Doku­men­ta­tio­nen, Hygie­ne­schu­lun­gen, Buchungs­sys­teme. All das gehört zum Alltag der Tafeln. Denn sie müs­sen die glei­chen Hygie­ne­stan­dards und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten erfül­len wie alle ande­ren Lebens­mit­tel­be­triebe und ‑einzel­händ­ler auch.

Unter­schiede, die verbin­den

Ob Stutt­gart mit rund 2.500 Kundin­nen und Kunden pro Woche oder Schorn­dorf mit regio­na­len Liefe­ran­ten und über 50 ehren­amt­li­chen und haupt­amt­li­chen Mitar­bei­tern: Jede Tafel funk­tio­niert anders und genau darin liegt ihre Stärke. In Stutt­gart fährt eine Flotte aus 17 Fahr­zeu­gen täglich Touren, in Waib­lin­gen versorgt eine große Zentrale den gesam­ten Rems-Murr-Kreis. Wein­stadt, Winnen­den und Schorn­dorf arbei­ten mit einge­spiel­ten Teams, in denen jeder jeden kennt.

Die meis­ten der Tafel­mit­ar­bei­ter arbei­ten ehren­amt­lich. Diese Arbeit zu koor­di­nie­ren und alle Anfor­de­run­gen in Logis­tik, Hygiene, Finan­zen und Orga­ni­sa­tion einzu­hal­ten, bedeu­tet im Grunde, ein klei­nes Unter­neh­men zu füh­ren.

Trotz aller Unter­schiede eint sie die glei­che Einstel­lung: kein Mitleid, keine Almo­sen, sondern Augen­höhe. Wer hier einkauft, zahlt einen klei­nen symbo­li­schen Betrag.

„Das Wich­tigste ist: Es geht um Würde und darum, dass Lebens­mit­tel einen Wert haben, den man respek­tie­ren muss.“ sagt die Vorsit­zende Renate Frank aus Schorn­dorf.

Gut zu wissen: Jeder kann helfen

Tafeln leben von Gemein­schaft und dafür braucht es nicht nur Groß­spen­den. Jeder kann helfen:

Halt­bare Lebens­mit­tel spen­den: Trocken­pro­dukte wie Nudeln, Reis, Mehl, Konser­ven, halt­bare Milch, Öl, Zucker oder Baby­nah­rung.
Ehren­amt­lich mitar­bei­ten: beim Sortie­ren, Fahren oder im Verkauf. Jede Stunde zählt.
Zeit schen­ken: Die Tafeln laden zum offe­nen Austausch ein. Auch Menschen, die selbst nicht einkau­fen dür­fen, sind jeder­zeit will­kom­men.

Weitere Infor­ma­tio­nen zu Ansprech­part­nern und Spen­den­zei­ten finden Sie auf der Website Ihrer örtli­chen Tafel.

Ehren­amt und Verant­wor­tung

Die Tafeln leben vom Einsatz unzäh­li­ger Menschen, die ihre Zeit schen­ken. Viele von ihnen sind Rent­ner, Prak­ti­kan­ten oder Berufs­tä­tige. Im Vorstand sind zehn bis zwan­zig Stun­den pro Woche keine Selten­heit, andere kommen einmal die Woche für ein paar Stun­den vorbei. Davon lebt die Tafel: von Menschen, die geben, was sie geben können.

Lebens­mit­tel haben einen Wert, den man nicht an ihrem Preis messen kann.
Renate Frank aus Schorn­dorf

Mach’s wie die Tafeln: Lebens­mit­tel retten zu Hause

Die Tafeln zeigen täglich: Echte Wert­schät­zung beginnt im Klei­nen. Sechs alltags­taug­li­che Ideen. Ofen­ehr­lich und sofort umsetz­bar.

1. PRÜFEN STATT WEGWERFEN Das Mindest­halt­bar­keits­da­tum ist kein Verfalls­da­tum. Viele Produkte halten länger. Bei Schim­mel, star­kem Geruch oder Gasbil­dung: lieber weg damit.

2. SORTIER EN STAT T WEGSCHMEISSEN Wie bei den Tafeln: Eine schlechte Manda­rine macht nicht das ganze Netz schlecht. Einzel­stü­cke prü­fen, Schlech­tes entfer­nen, den Rest genie­ßen.

3. RE STE VERWERTEN Altba­cke­nes Brot wird zu Croû­tons oder Panier­mehl. Obst mit Druck­stel­len wird Kompott, Gemüse wird Suppe.

4. ORDNUNG IM KÜHLSCHRANK Älte­res nach vorn, Neues nach hinten. Das spart Geld und Müll.

5. BEWUSSTER EINKAUFEN Nur kaufen, was in den nächs­ten Tagen wirk­lich gebraucht wird.

6. TEILEN STAT T WEGWERFEN Lebens­mit­tel mit Nach­ba­rin­nen, Nach­barn, Freun­des­kreis – oder mit der Tafel – teilen. So schließt sich der Kreis.

Die Tafel: Eine Bewe­gung enga­gier­ter Frauen

Die Tafel­be­we­gung entstand 1993 in Berlin durch enga­gierte Frauen. Seit­dem ist sie zu einer der größ­ten sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen Deutsch­lands gewach­sen. Rund 60.000 Ehren­amt­li­che enga­gie­ren sich bundes­weit, über 1,6 Millio­nen Menschen werden regel­mä­ßig unter­stützt. Die Nach­frage steigt weiter: wegen höhe­rer Lebens­hal­tungs­kos­ten, aber auch wegen des Vertrau­ens. Tafeln sind heute mehr als Versor­gungs­stel­len. Sie sind auch sozia­ler Treff­punkt.

Die Kunden der Tafeln

Wer zur Tafel kommt, ist so viel­fäl­tig wie die Gesell­schaft selbst: Fami­lien mit gerin­gem Einkom­men, Rent­ner mit klei­ner Rente, Allein­er­zie­hende, Studen­ten oder Menschen, die sich gerade in einer schwie­ri­gen Lebens­phase befin­den. Bei allen gilt: Sie erhal­ten hier Zugang zu guten Lebens­mit­teln, zu einer Quali­tät, Menge und Viel­falt, die sich viele im Alltag sonst nicht leis­ten könn­ten. Einkau­fen darf, wer seinen Bedarf nach­weist, etwa durch Sozi­al­aus­weis oder Wohn­geld­be­scheid.

WIR SIND EINE FAMILIE AUF ZEIT, ABER EINE, DIE BLEIBT.“

Wir sind eine Fami­lie auf Zeit, aber eine, die bleibt“
Harald Zabel aus Winnen­den

Gutes Brot, guter Zweck

Der Bäcker Maurer unter­stützt die regio­na­len Tafeln seit der ersten Stunde täglich mit Back­wa­ren. Diese sind nicht mehr ofen­warm, aber dank hand­werk­li­cher Herstel­lung mit Vortei­gen, Sauer­teig und eige­nem, unge­spritz­tem Maurer­korn weiter­hin von hoher Quali­tät. So zeigt sich: Gute Lebens­mit­tel blei­ben wert­voll, auch am nächs­ten Tag.

Neben Back­wa­ren spen­det die Bäcke­rei Maurer immer wieder Theken und Laden­aus­stat­tung, etwa für die Tafeln in Schorn­dorf und Winnen­den. „Das liegt wohl in der Fami­lie“, sagt Tobias Maurer. „Meine Oma hat immer erzählt, dass sie an manchen Tagen mehr Brezeln verschenkt als verkauft hat. An Menschen, die sie brauch­ten.“

Wenn Teilen Alltag wird

Die Tafeln zeigen, wie Gesell­schaft funk­tio­nie­ren kann, wenn alle Verant­wor­tung über­neh­men. Sie erset­zen keine Gerech­tig­keit, sind aber gelebte Soli­da­ri­tät. In ihren Rega­len liegen nicht nur Lebens­mit­tel, sondern Geschich­ten von Acht­sam­keit. Und zwischen­drin duftet es nach frischem Brot, als tägli­che Einla­dung, gemein­sam satt zu werden. Mach’s wie die Tafel.

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